Freitag, 1. November 2013

Mein Studentenleben in Chiba

Jetzt ist bereits über ein Monat vergangen, seit dem ich mein Leben in Japan begonnen habe. Anfangs war es wirklich schwer für mich. Ich habe nun fast 5 Jahre meines Lebens damit verbracht, Japanisch zu lernen, ein Studium nur über Japan angefangen und habe die großartige Chance wahrgenommen, in das Land, wenn auch nur für knapp ein Jahr, zu ziehen, womit ich mich einen Großteil meiner Jugend beschäftigt habe.
Es erscheint mir immer noch ein bisschen wie ein Traum, denn ich denke, dass ich mich an das Leben hier nie 100%ig gewöhnen werde. Bis jetzt habe ich mich aber ganz gut eingelebt, nachdem ich mir endlich einen Alltag zurecht gelegt habe. Dennoch vermisse ich Deutschland sehr, meinen Freund und meine Familie sowieso. Ich vermisse all die bekannten Sachen, die einst so selbstverständlich für mich gewesen waren - ich rede natürlich von den Lebensmitteln. Wenn ich eins wirklich vermisse, dann ist es mein Frühstück, ich vermisse das Brot, meinen geliebten Frischkäse, Wurst und was sonst noch alles, was es hier kaum bis gar nicht oder für zu viel Geld gibt. Aber auch darüber kommt man nach einer gewissen Zeit der Resignation und des Abfindens hinweg.

Ich möchte nun über mein Studentenleben an der Universität Chiba berichten, welche Kurse ich belege und wie diese so aussehen, was es sonst noch an Angeboten hier gibt (von denen ich weiß) und wie meine bisherigen Erfahrungen mit den anderen Studenten und den Dozenten waren. Ich fange erstmal mit dem Sprachkurs an.


Die Sprachkurse

Für ausländische Studenten bietet das CIRE (Center for International Research and Education), in dem ich alle meine Kurse habe, einen Japanisch-Sprachkursen. Es gibt 8 Level (100 - 800), wobei 100 absolutes Anfängerlevel und 800 Mutterprachlerniveau ist. Ich selber bin im 500er-Kurs, ein "Intermediate"-Kurs. Vorm Start der Sprachkurse musste man im Internet einen Selbsttest machen, welcher Kurs am ehesten zu einem passt. Laut diesem Test war der 500-Kurs der Kurs, der am ehesten meinem Stand entsprach und etwa dort ansetzte, wo mein letzter Sprachkurs in Deutschland aufhörte.
Innerhalb dieses Levels gibt es mehrere Kurse zu wählen: ein normaler "Intermediate"-Kurs, der mehr oder weniger alle wichtigen Bereiche wie Lesen, Sprechen und Schreiben abzielt. Darüber hinaus gibt einen Kanji-Kurs, einen speziellen Grammatikkurs und Kurse, die sich mit schriftlicher und mündlicher Ausdrucksweise ("Written" und "Oral Expression") beschäftigen. Bis auf den "mündlichen" Kurs habe ich alle belegt.

Der Kanji-Kurs ist bis jetzt ziemlich leicht, etwa 20 neue Kanji kommen pro Woche hinzu, wobei ich die meisten bis jetzt schon hatte (aber meistens vergessen hatte). Die Lehrerin ist sehr nett, aber an sich muss ich leider sagen, dass der Unterricht recht langweilig ist. Jede Woche gibt es noch einen Test, der die Kanji der letzten Lektion abfragt.
Der Grammatikkurs ist ähnlich langweilig. Wir besprechen kurz die Grammatik, die meistens aus wirklichen Feinheiten der japanischen Sprache, Schriftsprache wie gesprochene Sprache, besteht, da man die "wichtige" Grammatik ja bereits vorher gehabt haben muss. Dann geht es auch schon zur nächsten Grammatik. Da alles auf Japanisch ist, fällt es mir recht schwer zu verstehen, wann man die jeweilige Grammatik anwenden muss/kann - es gibt keine Übersetzung auf Englisch oder so, um uns das Verständlich zu erleichtern. Das finde ich sehr schade, zumal es bei unserem jetzigen Wissensstand unglaublich viel Grammatikpunkte gibt, die eigentlich die gleichen Sachen meinen und sich im Grunde nur in der Verwendungssituation unterscheideen bzw. ob es Schriftsprache oder gesprochene Sprache ist. Das ist sehr anstrengend und ich finde die Lehrerin macht es auch nicht allzu toll. Selbststudium ist da extrem wichtig - ein Todesurteil für mich <_< Auch hier gibt es regelmäßig Grammatiktests.
Der "Written Expression"-Kurs beschäftigt sich vor allem auf das Japanisch im Schriftverkehr, heißt, wie schreibe ich Briefe, Emails, Aufsätze etc. Im Japanischen gibt es viele Floskeln und feststehende Begriffe, die man je nach Situation korrekt anwenden muss, von der Höflichkeitssprache ganz zu schweigen (denn man formuliert ja anders, je nach dem, ob man eine Email an einen Freund oder an einen Professor schickt). Bis jetzt war der Kurs nicht wirklich fordernd, viel Bekanntes war dabei und es besteht eben zum Großteil aus (ab)schreiben. Er ist ganz ok, aber eben nicht allzu spannend.
Dann wäre da noch der Intermediate-Kurs, der "normale" Sprachkurs, wenn man so will. Dort arbeiten wir mit Textbuch, lesen Lektionstexte zu verschiedenen Themen, bekommen Arbeitszettel, besprechen Grammatik (unabhängig vom Grammatikkurs) und machen Gruppenarbeit. Er findet 3mal die Woche statt. Auch hier finden regelmäßige Tests statt. Wir haben auch 3 verschiedene Lehrerinnen, die mal mehr, mal weniger interessant sind. Inhaltlich finde ich die Lesetexte recht schwer und ziemlich abspruchsvoll, zumindest verglichen mit den Texten, die ich in Deutschland hatte, die gegen Ende auch nicht ganze ohne waren. Es sind ziemlich fachliche Vokabeln dabei, die kein Mensch braucht und die Kanjis sind auch schwer. Zum Glück müssen wir die aber nicht lernen lol Bei diesem Kurs bin ich in der Hinsicht hin und hergerissen, weil dieser Kurs mal total leicht und langweilig ist und mal total schwer, dass ich nicht mal die Aufgabe verstehe. Es trägt auch nicht viel dazu bei, dass die Lehrerinnen nur Japanisch reden, ohne Rücksicht darauf, ob wir die Wörter kennen oder nicht. Dann muss ich mir entweder alles aus dem Kontext zusammenreimen oder meine Kommilitonen fragen.

Für fast alle Kurse habe ich mir extra Lehrbücher kaufen müssen, die aber im Vergleich zu Deutschland spottbillig waren. Sie sind ganz gut, wie ich finde, besonders das Kanji-Buch. Das Grammatikbuch ist allerdings... dämlich. Es gibt keine Erklärungen zu der Anwendung der Grammatik, die Lehrerin muss uns immer extra Zettel geben, wo das draufsteht.
Das 500-Level passt auf jeden Fall zu meinem Wissensstand, den ich in den 2 Jahren Sprachkurs in Deutschland erworben habe, auch wenn ich das meiste wieder vergessen hatte.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass die Kurse oft langweilig sind, weil eben viel Wiederholung vorkommt, was sich aber bei komplett verschiedenen Sprachkursen nicht verhindern lässt. Die Wiederholung tut mir aber manchmal trotzdem ganz gut. Allerdings gibt es in jedem Kurs jeden Tag Hausaufgaben, die manchmal nicht ganz ohne sind. Da heißt es also "Ranhalten!" :)
In meinen Kursen sind viele verschiedene Länder vertreten, wir Deutschen machen aber oft einen Viertel der Klasse aus, welche in der Regel aus knapp 20 Leuten besteht. Wir haben Koreaner, Chinesen, Australier, Amerikaner, Indonesier und andere Länder dort vertreten, die alle etwa die gleichen Japanisch-Stand haben. Allerdings gibt es ziemlich oft große Unterschiede, die einfachsten Sachen werden teilweise nicht gewusst oder aber genau umgekehrt. Das nervigste ist aber, dass die meisten aus den asiatischen Ländern total nuscheln oder zu schnell oder zu leise reden, dass wir deren Japanisch kaum verstehen können.
Am Ende gibt es natürlich Klausuren v.v


Die anderen Kurse

Neben den 4 Sprachkursen habe  ich auch noch 3 weitere Seminare zu verschiedenen Themen belegt. Ich hatte zu Anfang eine mehr oder minder große Auswahl an Kursen gehabt, die sich rund um Japan drehen. Wir hatten alle die Wahl zwischen rein-japanischen, japanisch-englischen oder rein-englischen Kursen. Auch die japanischen Studenten der Uni stand es frei, diese Kurse zu belegen, auch wenn diese in erster Linie für die ausländischen Studenten sind. Einige habe ich besucht und sofort wieder geschmissen, am Ende habe ich mich für folgende entschieden.

"Introduction to Traditional Japanese Food":  In diesen Kurs wollte ich von Anfang an, weil er sehr interessant klang und vor allem damit warb, dass man dort auch einige Gerichte probieren würde. Bis jetzt wurde ich aber kläglich enttäuscht.
Interessanterweise sind die Hälfte der Leute in diesem Kurs Japaner und wir fragen uns die ganze Zeit, warum Japaner ausgerechnet einen Kurs über japanisches Essen belegen. Vielleicht weil er auf Englisch ist. Ist er aber eigentlich nicht wirklich. Der Lehrer, ein alter Kauz, redet zwar englisch, wechselt aber schnell wieder auf Japanisch und keiner hört ihm wirklich zu. Die letzten drei Wochen bestanden nur aus einem nichtssagenden, irgendwie planlosen Besuch in einen Supermarkt, wo uns Japaner das Essen erklären sollten. Die Japaner meiner Gruppe waren witzig, aber wir haben den Sinn einfach nicht verstanden, weil der Lehrer uns einfach keine Erklärung oder Aufgabe lieferte. Die Wochen darauf wurden wir wieder in Gruppen mit Japanern gesteckt, wir haben einen unverschämt großen Stapel an Infozetteln bekommen, die sich mit japanischem Essen beschäftigen, aber komplett auf Japanisch waren. Wir Ausländer konnten damit also überhaupt nichts anfangen, obwohl der Kurs eigentlich ein englischer ist. Die Aufgabe der Japaner bestand darin, uns den Inhalt des Textes zu erklären. Das haben wir die komplette Stunde gemacht und der Lehrer stand vorn und hat uns dabei zugeguckt, statt selber ordentlichen Unterricht zu machen. Außerdem sind wir in 10 Minuten auch mit den Texten durchgewesen, weil die teilweise auch für die Japaner zu kompliziert waren, als dass sie uns das hätten erklären können.
Diese Woche gab der Dozent uns aber aus heiterem Himmel die Aufgabe nach Ueno, Tokyo, zu fahren, um einen ganz bestimmten japanischen Süßigkeiten-Laden zu suchen und dort zu essen und um das Tokyo Nationalmuseum zu besuchen. Er gab uns aber keinerlei Begründung, wieso, was das mit dem eigentlichen Kursinhalt zu tun hat und überhaupt.
Der Kurs regt mich bis jetzt also ziemlich auf, dafür hat er überhaupt keinen Anspruch, also sind die Credits dafür praktisch geschenkt. Ärgerlich, aber auch egal.

"Family and Gender in Japan": Dieser Kurs klang vom Titel sehr interessant und er fing auch so an, wurde aber immer mehr zu einem langweiligen, planlosen Kurs. Es ist ein bilingualer Kurs und die Dozentin spricht im Vergleich zu den anderen Schlaftabletten von Dozenten ein ziemlich gutes Englisch, allerdings ist es trotzdem manchmal sehr schwer ihr zu folgen. Vor allem, weil sie jedes Mal wohl so nervös ist, dass sie ständig in ihrem Plan (ich gehe einfach mal davon aus, dass sie einen hat) hinterher hinkt, sie schafft es nie, ihre Folien komplett durchzuziehen und alles was sie tut, ist uns dämliche Gruppenarbeit zu machen. Dann müssen wir alles an die Tafel schreiben, wobei jede Gruppe sowieso die gleichen Punkte hat und dann geht sie jeden einzelnen Punkt durch und das eben 5mal. Sie ist total nett und so, aber ihr Unterricht ist langweilig und unstrukturiert. Inhaltlich wäre das total interessant, aber die wirklich interessanten Sachen schaffen es nicht in die Diskussion, weil ihre Zeitplanung so furchtbar ist. Ich finde es unglaublich schade, dass es so ist, zumal ist wohl ein Essay darin schreiben muss, worauf ich überhaupt keinen Bock habe, wenn ihr Unterricht teilweise so dermaßen inhaltslos und lahm ist.

"Intercultural Communication": Der beste Kurs, den ich habe. Die Lehrerin ist total toll, ihr Englisch ist mit das Beste, was ich hier gehört habe und inhaltlich super interessant. Sie macht guten Unterricht, wenn auch etwas zu viel gruppenarbeitsintensiv. Aber bei so einem Kurs, bei dem eben viele Länder und Kulturen vertreten sind, auch eher angebracht als in den anderen Kursen. Leider schweift der auch manchmal ins Langweilige ab, aber er ist trotzdem besser. Yay :)


Das sind also meine sieben Kurse für diesen Semester, ich hätte auch theoretisch jeden anderen Kurs wählen können, der an der Uni angeboten wird, aber ich dachte, das ist bereits genug Pensum, da die Sprachkurse ja schon sehr fordernd und zeitintensiv sind. Außerdem gibt es ein großes Angebot an Sport- und anderen AGs. Ich persönlich interessiere mich für Softball und vielleicht kann bald mal bei deren Training zu schauen :)

Also, ich mag mein Unileben, es ist alles in allem sehr entspannt, wenn es auch viel zu tun gibt. Ich habe eben keinen großen Druck, den ich zB. in Deutschland hatte, wegen Klausuren, Bafög und so weiter. Die Uni an sich ist schön, die Leute sind nett und die Dozenten hilfsbereit. :D
Das wars also erstmal, mein nächster Post wird aber bald kommen - denn seit gestern findet an unserer Uni das Kulturfest, das "Chiba daisai" statt :D

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